#62: Zukunft ist ein behindertes Wort. Gegenwart auch.

Gott, wie schön das war, als ich mit 13 draußen auf der Decke mit Freunden noch mit Barbie spielte. Gut okay, ich war 11. Mit 13 war's nicht mehr so. Und trotzdem hatte man nur den Gedanken daran, wie man die liebste Barbie als nächstes anzieht. Blaues oder rotes Kleid?

 

Nach der Barbie-Phase wurde ich zum Typen. Große Pulli's, weite Hosen, männliche Schuhe. Das alles, weil ich nicht akzeptieren wollte und konnte, dass die schöne ruhige Zeit ohne harte Gedanken jetzt vorbei ist. Weil ich die Zukunft nicht wollte. Und wahrscheinlich auch, weil ich immer so sein wollte, wie mein Bruder. In meinen Augen war er einfach groß, stark und erfolgreich. Und er hatte so viel Ahnung vom Leben - dachte ich damals. Heute weiß ich natürlich, dass er noch gar nicht so weit gewesen sein konnte.

Wegen ihm hab' ich mich dann mehr mit dem Thema "Informatik" auseinandergesetzt - weil er ja immer derjenige war, der von meinen Eltern mit großen, stolzen Augen angesehen wurde, weil er PC-technisch so super informiert war. Ich wollte auch diese Anerkennung. Stattdessen kam immer nur: "Du musst 'n Abi mit 1 machen."

 

Tja dann war da mein erster Freund; ich war voll in meiner Rocker-Phase und wollte nur noch rebellieren. Ich wollte kein Abi, ich wollte frei sein, gammeln und zum Penner werden - war doch schon immer am Einfachsten. 

 

Und dann fing' ich an, mir melancholische Gedanken zu machen - im Suff. Morgen gab's 'n Sektfrühstück. Abends Korn. Ich war eine Rebellin. Wollte keine aufgedrückten Pläne von meinen Eltern.

Es ging los mit der Borderline-Geschichte. Immer rein ins Fleisch. Du willst den ganzen Scheiß nicht. Es folgten: Therapie, Schmerzen, Hass und letztlich neue Freunde.

 

Zwischendurch ging man zur Schule, hatte Beziehungen, die aber alle nie wirklich intensiv waren - ich war größtenteils mit den Typen zusammen, um meinen Eltern zu zeigen, wie reif und erwachsen ich doch schon war. Wie toll ich war - trotz der Narben. Und das tat ich auch eigentlich nur, weil meine Mum mir in der Kindheit immer gesagt hatte: "Wenn du dick bleibst, wirst du niemals einen Freund haben." So Mutti, da haste den Traum-Schwiegersohn, den du nie wolltest.

 

Als Rebellin wollte man dann natürlich öfters was Neues ausprobieren. Alkohol, Klauen, wechselnde Partner. Es kam allerdings nie zum Sex. Dafür waren mir alle dann doch zu prollig. Da kam dann langsam die kleine Prinzessin raus á la "Ich warte auf den Richtigen!", nachdem ich mein erstes Mal irgendeinem Spasten geschenkt hatte, der mich danach als "Schl***e" bezeichnet hatte. Niemand danach war mir dann nochmal so viel Wert. Krass, wie viel durch den kaputt gegangen ist. 

 

Und dann war Sommer 2010. H. trat in mein Leben und es wurde alles so schön und bunt und überhaupt nicht mehr dreckig. Rosarote Brille, Schmetterlinge, das volle Programm. Der erste Mann, der mir mal wieder so nah kommen durfte, wie kein Anderer die drei Jahre vorher. Er war für mich der Traum von Mann, nein, die Perfektion. 25 Jahre alt, Studium, danach Ausbildung, Geld. Mir war klar, dass ich mit ihm meine erste wirklich intensive Beziehung führen würde und könnte. Den Druck durch meine Eltern wegen dem Abi war weg - hatte ich ja glücklicherweise schon bestanden. Ich hatte 'nen Ausbildungsplatz, 'ne eigene Bude und wollte einfach frei sein. Und ich wusste, das wollte er auch. Auch er hatte doch schon längst keine Lust mehr darauf, seinem Superdaddy alles hinter räumen zu müssen und immer der Arsch zu sein.

Er war wie für mich geschaffen. Und mit jedem Monat, den wir zusammen sind, will ich immer mehr von ihm. Heirat, Kind, Haus, Auto. Alles. Er ist der haltende Punkt, den ich in meiner Jugend nie hatte. Er gibt mir die Sicherheit, die ich immer vermisst habe.

Und doch wollen alle, dass das auseinander geht. Meine Mum hat extreme Probleme mit ihm. Wahrscheinlich weil er anders ist als mein Bruder und sie doch immer wollte, dass ich 'nen Typen wie meinen Bruder abbekomme. Wollte ich allerdings nie. Nur danach hat sie mich ja nie gefragt.

 

Und jetzt ist Herbst 2011. H. und ich sind immer noch zusammen. Unglaublich für mich. Und da ich alles von ihm will, will ich ihn auch jeden Tag. Und dieses Verlangen wird von Tag zu Tag stärker. Vorallem wenn man sich in Hamburg nicht heimisch fühlt. Er soll einfach immer bei mir sein.

Doch da streiken mal wieder: meine Eltern. Weil sie ja nur das Beste für mich wollen. Krasses Leben ey.

 

Und irgendwie endet man dann wieder da, wo man vor Jahren schon mal war. Genau in der Zeit, in der man Alkohol trank, um Probleme zu vergessen. Und in der man sich selber weh tat, um den Druck aus'm Körper zu bekommen. So wie heute Abend schon wieder.

Heute sorgt man sich dann jedoch nicht mehr um die Klamotten der Barbie. Sondern eher um das eigene Auftreten, damit niemand was davon mitbekommen. So wie früher.

 

Also: Blaues oder rotes Kleid?

 

Das Maedchen.

7.9.11 20:14
 
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